23.10.2021, 23:00
Astoria wäre die Letzte gewesen, die gegen die These, dass sich die Dinge zum Guten gewandt hätten, seit der verlorene Sohn in die Heimat zurückgekehrt war. Und dennoch gab es Kleinigkeiten, über die sie gern die Augen gerollt hätte und denen sie absolut Nichts abgewinnen konnte. Mit zurückgewonnenem Ruf war auch wieder eine gewisse Erwartung an das Haus gewachsen und nach all den Jahren, in denen sie ohne Aufsehen zu erregen allein und selbstständig nach Novigrad reisen konnte, wann sie wollte, war es ihr nun wenig lieb, dass man ihr eine halbgare Eskorte aufgedrängt hatte. Dass diese ausgerechnet aus dem alten, halbblinden August und seinem lahmen Pferd August bestand, hatte ihr tatsächlich ein Lachen entlockt, das von einem ungeläubigen Kopfschütteln erstickt worden war, als ihr dämmerte, dass es nicht um einen Scherz handelte. Aber wer war sie schon, dass sie sich öffentlich über diese Entscheidung echauffieren würde. Und so war sie unter dem deutlich amüsierten Winken Graínnes, der sie in ihrer Abwesenheit die Angelegenheiten in ihrem Zuhause überließ, mit ihrer "Leibwache" aufgebrochen und hatte im Stillen für eine schnelle, komplikationslose Reise in die Hafenstadt gebetet.
Schon bald gab es nichts mehr, über das man sich unterhalten konnte. Neben den Geschichten, die August ihr schon gefühlte hundert Male vorgetragen hatte, gab es nur noch Themen, die man eben nicht ansprach. Die bestenfalls alte Wunden aufrissen, böse Erinnerungen wachriefen und nicht zur Ablenkung von der langsam verstreichenden Zeit taugten. Und so schwiegen sie seit geraumer Zeit und keiner von Beiden fühlte sich unwohl in der Stille zwischeneinander. Zumindest Astoria genoss die Ruhe, denn in Novigrad würde sie sich genau solchen Gesprächen hingeben dürfen, denen sie noch nie etwas abgewinnen konnte: die höflichen, inhaltlosen, die man mit freundlichem Lächeln hinter sich brachte, weil man musste. Nein, wirklich gern reiste sie nicht nach Novigrad, vorallem nicht für längere Zeit. Und der Einzige, der diese Reise erträglich machen würde, hatte sich erst gar nicht ihrer Reisegruppe angeschlossen sondern war kurzerhand zu einem seiner Aufträge aufgebrochen, um die sie ihn manchmal fast beneidete, die ihr jedoch die meiste Zeit nur elende Sorge bereiteten. Hätte man sie gefragt, wäre August besser mit Baltazar gereist, statt mit ihr.
Astoria hatte die Ankunft ihres Bruders bereits deutliche Momente vor ihrer "Leibwache" bemerkt und schmunzelte leicht über das hektische Zusammenzucken des alten Mannes, als er das heranrauschende Pferd samt Reiter bemerkte, sparte sich jedoch einen Kommentar sondern tat weiterhin unbeeindruckt, auch wenn ihr insgeheim ein großer Stein vom Herzen gefallen war und sie doch allen Umständen zum Trotz ein wenig zufriedener wirkte, als noch vor ein paar Minuten. Erst als er zu ihnen aufgeschlossen war und sie höflich begrüßte, wandte sie ihren Kopf in seine Richtung, erwiderte sein Grinsen nur mit einem deutlich zurückhaltenden Lächeln ehe sie ihren Blick abwandte um nicht in die Verlegenheit zu geraten, dass August das spöttische Nicken bemerken würde, mit dem sie auf Baltazars gut gemeinte Annahme, dass der alte Mann sie auch vor einem Drachen gerettet hätte, reagierte. Erst, als Baltazar ihm nun den Brief übergab, fuhr ihr Kopf wieder herum, die Augenbrauen skeptisch zusammengezogen und den Blick forsch zwischen ihrem Bruder und dem Alten schweifen lassend. Zumindest eine kleine Information über dringliche Nachrichten hätte sie gern erhalten, auch wenn sie ahnte, dass es sich gar nicht um so überaus Dringendes handelte - sondern nur um eine gut gemeinte Finte, um den unliebsamen Begleiter loszuwerden. Man konnte nie wissen, gerade zu diesen Zeiten. Während Baltazar also den ungläubigen August bearbeitete, wandte sie kurz den Blick in den Himmel und atmete tief durch, sich in Erinnerung rufend dass eben offiziell nur die verwitwete Schwester des Grafen war und sich glücklich schätzen sollte, dass man sie mit nach Novigrad geladen hatte, dass es noch Leute wie August gab, die ihren Herren fast freiwillig dienten und... Sie seufzte tief.
Auch wenn Baltazar der letzte war, der es verdient hatte, blickte sie nun mit stillem Vorwurf zu ihm hinüber. Nur langsam entspannte sie sich, wurde ihr Blick sanfter, während sie ihn nun genau in Augenschein nahm, auch wenn sie Dank seiner Rüstung nur schwerlich Details ausmachen konnte. Offensichtlich waren aber sowohl Arme, Beine als auch Kopf vorhanden und unversehrt, immerhin. Sie Seine Entschuldigung ließ sie schließlich abermals seufzen, denn eigentlich wussten Beide, dass es nichts zu entschuldigen gab, dass sie wohl Beide lieber in der Grafschaft geblieben wären. "Habe nur ich das Gefühl, dass für jede Hexe, die auf dem Scheiterhaufen landet, drei nach kommen?", fragte sie dann und erwartete nicht wirklich eine Antwort, obwohl ihr Leben wohl wesentlich davon profitieren würde, wenn es endlich nichts Zauberndes mehr gab, dem der redanische Geheimdienst hinterherjagen könnte. Wieder verdüsterte sich ihr Blick kurz, auch wenn es wieder falsch war, Baltazar mit ihrer Unzufriedenheit zu belasten... Er war nun mal der Einzige, der sich dafür gerade in Reichweite befand. Erst seine Erwähnung verlassener Tavernen ließ ihre Mundwinkel ein wenig heben. "Ich fürchte auch, die Chancen, in Novigrad eine verlassene Taverne für uns zu finden, ist sehr gering." Sie war generell nicht anspruchsvoll und mit Baltazar hätte sie ihr Nachtlager auch in einer finsteren Höhle oder mitten im Wald aufgeschlagen - aber das schickte sich nicht. "Die De Graeffs haben angeboten, dass wir bei ihnen übernachten können." Sie verzog kurz die Miene und wusste, dass es sich dabei um keinen selbstlosen Gefallen handelte. Vorallem der Herr des Hauses neigte dazu, Alles über Alles und Jeden wissen zu wollen und war absolut nicht ihre liebste Gesellschaft (dass sie es nicht ertrug, gemeinsam mit den unverheirateten Töchtern an einem Tisch zu speisen, hatte natürlich nichts damit zu tun). Sie hob kurz unentschlossen die Schultern. "Früher hätte ich mir kaum etwas Schöneres vorstellen können, als in Novigrad zu wohnen. In einem der Häuser, direkt am Hafen." Dass sie sich heute gerade mal ein wenig Lagerfläche in diesem Viertel leisten konnten, musste sie Baltazar nicht erklären und war schon mehr, als vor einem Jahr. Und dass sie der großen Stadt mittlerweile nicht mehr wirklich viel abgewonnen konnte, war ihm ebenso bekannt. "Vielleicht hat der alte Coppens einen Vorschlag." Sie hob auf die fixe und außerordentliche gute Idee ihrerseits den Blick wieder zu Baltazar. Der Händler hatte immerhin noch einige Rechnungen nicht beglichen und war ihnen mittlerweile nicht nur einen Gefallen schuldig. "Soweit ich weiß, besitzt er zwar keine Häuser im Hafenviertel, aber eine kleine Wohnung am Kurfürstenplatz, für die paar Tage..." Sie zuckte abermals unschuldig mit den Schultern und hob eine Braue. "Das könnte er uns kaum ausschlagen." Unabhängig der Schuld, in der er stand, war es überhaupt nur selten eine gute Idee, die Geduld und das Verständnis der Graillys auszureizen. Plötzlich ging es Astoria gar nicht mehr vorrangig um eine nette Unterkunft für ihren Aufenthalt sondern vielmehr ums Prinzip. Entsprechend entschlossen sah sie Baltazar an, überließ ihm das finale Urteil, natürlich und würde sich doch nur schwer von einer Alternative überzeugen lassen.
Schon bald gab es nichts mehr, über das man sich unterhalten konnte. Neben den Geschichten, die August ihr schon gefühlte hundert Male vorgetragen hatte, gab es nur noch Themen, die man eben nicht ansprach. Die bestenfalls alte Wunden aufrissen, böse Erinnerungen wachriefen und nicht zur Ablenkung von der langsam verstreichenden Zeit taugten. Und so schwiegen sie seit geraumer Zeit und keiner von Beiden fühlte sich unwohl in der Stille zwischeneinander. Zumindest Astoria genoss die Ruhe, denn in Novigrad würde sie sich genau solchen Gesprächen hingeben dürfen, denen sie noch nie etwas abgewinnen konnte: die höflichen, inhaltlosen, die man mit freundlichem Lächeln hinter sich brachte, weil man musste. Nein, wirklich gern reiste sie nicht nach Novigrad, vorallem nicht für längere Zeit. Und der Einzige, der diese Reise erträglich machen würde, hatte sich erst gar nicht ihrer Reisegruppe angeschlossen sondern war kurzerhand zu einem seiner Aufträge aufgebrochen, um die sie ihn manchmal fast beneidete, die ihr jedoch die meiste Zeit nur elende Sorge bereiteten. Hätte man sie gefragt, wäre August besser mit Baltazar gereist, statt mit ihr.
Astoria hatte die Ankunft ihres Bruders bereits deutliche Momente vor ihrer "Leibwache" bemerkt und schmunzelte leicht über das hektische Zusammenzucken des alten Mannes, als er das heranrauschende Pferd samt Reiter bemerkte, sparte sich jedoch einen Kommentar sondern tat weiterhin unbeeindruckt, auch wenn ihr insgeheim ein großer Stein vom Herzen gefallen war und sie doch allen Umständen zum Trotz ein wenig zufriedener wirkte, als noch vor ein paar Minuten. Erst als er zu ihnen aufgeschlossen war und sie höflich begrüßte, wandte sie ihren Kopf in seine Richtung, erwiderte sein Grinsen nur mit einem deutlich zurückhaltenden Lächeln ehe sie ihren Blick abwandte um nicht in die Verlegenheit zu geraten, dass August das spöttische Nicken bemerken würde, mit dem sie auf Baltazars gut gemeinte Annahme, dass der alte Mann sie auch vor einem Drachen gerettet hätte, reagierte. Erst, als Baltazar ihm nun den Brief übergab, fuhr ihr Kopf wieder herum, die Augenbrauen skeptisch zusammengezogen und den Blick forsch zwischen ihrem Bruder und dem Alten schweifen lassend. Zumindest eine kleine Information über dringliche Nachrichten hätte sie gern erhalten, auch wenn sie ahnte, dass es sich gar nicht um so überaus Dringendes handelte - sondern nur um eine gut gemeinte Finte, um den unliebsamen Begleiter loszuwerden. Man konnte nie wissen, gerade zu diesen Zeiten. Während Baltazar also den ungläubigen August bearbeitete, wandte sie kurz den Blick in den Himmel und atmete tief durch, sich in Erinnerung rufend dass eben offiziell nur die verwitwete Schwester des Grafen war und sich glücklich schätzen sollte, dass man sie mit nach Novigrad geladen hatte, dass es noch Leute wie August gab, die ihren Herren fast freiwillig dienten und... Sie seufzte tief.
Auch wenn Baltazar der letzte war, der es verdient hatte, blickte sie nun mit stillem Vorwurf zu ihm hinüber. Nur langsam entspannte sie sich, wurde ihr Blick sanfter, während sie ihn nun genau in Augenschein nahm, auch wenn sie Dank seiner Rüstung nur schwerlich Details ausmachen konnte. Offensichtlich waren aber sowohl Arme, Beine als auch Kopf vorhanden und unversehrt, immerhin. Sie Seine Entschuldigung ließ sie schließlich abermals seufzen, denn eigentlich wussten Beide, dass es nichts zu entschuldigen gab, dass sie wohl Beide lieber in der Grafschaft geblieben wären. "Habe nur ich das Gefühl, dass für jede Hexe, die auf dem Scheiterhaufen landet, drei nach kommen?", fragte sie dann und erwartete nicht wirklich eine Antwort, obwohl ihr Leben wohl wesentlich davon profitieren würde, wenn es endlich nichts Zauberndes mehr gab, dem der redanische Geheimdienst hinterherjagen könnte. Wieder verdüsterte sich ihr Blick kurz, auch wenn es wieder falsch war, Baltazar mit ihrer Unzufriedenheit zu belasten... Er war nun mal der Einzige, der sich dafür gerade in Reichweite befand. Erst seine Erwähnung verlassener Tavernen ließ ihre Mundwinkel ein wenig heben. "Ich fürchte auch, die Chancen, in Novigrad eine verlassene Taverne für uns zu finden, ist sehr gering." Sie war generell nicht anspruchsvoll und mit Baltazar hätte sie ihr Nachtlager auch in einer finsteren Höhle oder mitten im Wald aufgeschlagen - aber das schickte sich nicht. "Die De Graeffs haben angeboten, dass wir bei ihnen übernachten können." Sie verzog kurz die Miene und wusste, dass es sich dabei um keinen selbstlosen Gefallen handelte. Vorallem der Herr des Hauses neigte dazu, Alles über Alles und Jeden wissen zu wollen und war absolut nicht ihre liebste Gesellschaft (dass sie es nicht ertrug, gemeinsam mit den unverheirateten Töchtern an einem Tisch zu speisen, hatte natürlich nichts damit zu tun). Sie hob kurz unentschlossen die Schultern. "Früher hätte ich mir kaum etwas Schöneres vorstellen können, als in Novigrad zu wohnen. In einem der Häuser, direkt am Hafen." Dass sie sich heute gerade mal ein wenig Lagerfläche in diesem Viertel leisten konnten, musste sie Baltazar nicht erklären und war schon mehr, als vor einem Jahr. Und dass sie der großen Stadt mittlerweile nicht mehr wirklich viel abgewonnen konnte, war ihm ebenso bekannt. "Vielleicht hat der alte Coppens einen Vorschlag." Sie hob auf die fixe und außerordentliche gute Idee ihrerseits den Blick wieder zu Baltazar. Der Händler hatte immerhin noch einige Rechnungen nicht beglichen und war ihnen mittlerweile nicht nur einen Gefallen schuldig. "Soweit ich weiß, besitzt er zwar keine Häuser im Hafenviertel, aber eine kleine Wohnung am Kurfürstenplatz, für die paar Tage..." Sie zuckte abermals unschuldig mit den Schultern und hob eine Braue. "Das könnte er uns kaum ausschlagen." Unabhängig der Schuld, in der er stand, war es überhaupt nur selten eine gute Idee, die Geduld und das Verständnis der Graillys auszureizen. Plötzlich ging es Astoria gar nicht mehr vorrangig um eine nette Unterkunft für ihren Aufenthalt sondern vielmehr ums Prinzip. Entsprechend entschlossen sah sie Baltazar an, überließ ihm das finale Urteil, natürlich und würde sich doch nur schwer von einer Alternative überzeugen lassen.
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