23.10.2021, 21:00
Elsbeth‘ Feuereifer auf eine Auseinandersetzung flachte merklich ab, als sie erkennen musste, Drazan mit ihrem Vortrag nicht aus der Reserve locken zu können und ohne es selbst genau mitzubekommen, rückte der ihr sonst sehr verinnerlichte Drang, sich hervorzutun in den Hintergrund. Vielleicht, weil sie die Jahre, in denen sie seiner Stimme ehrfürchtig still gelauscht hatte, nicht zu weit fort lagen, als dass sie vergessen hätte, dass er über ein immenses Wissen und großartige Fähigkeiten verfügte und es besser war, ihm genau zuzuhören um kein Detail zu verpassen, vielleicht auch, weil sie eine Unterhaltung zu solch speziellen Themen irgendwie schmerzlich vermisst hatte. Der Austausch mit Personen, die ihr ebenbürtig waren, fehlte ihr in Novigrad doch ungemein und so trat ihr eigenes Interesse wieder ein Stück weit in den Hintergrund und widmete sich augenblicklich wieder dem „großen Ganzen“, auch wenn sie es nicht verkneifen konnte, mit einer gelassenen Handbewegung auf die von ihm Angesprochene Schwierigkeit der Nervenverbindung zu reagieren, die ihr wiederum keinerlei Bedenken bereitete. Mochte der Dienst an der Front ihr eine tiefe Kerbe verpasst haben, hatte sie dort immerhin schnell gelernt, Gewebe in unterschiedlichsten Zuständen wieder funktionsfähig zu machen und Einzelteile ohne weitreichende Schwierigkeiten wieder miteinander zu verbinden. Da sie jedoch fest davon ausging, dass Philippas Problem eben nicht mit einem irgendwo aufgetriebenen Augenpaar oder durch irgendwelche ungenauen Zauber, die eventuell ihre Auge nachwachsen lassen könnten, zu lösen sein würde, war sie auf die Gnome gekommen – und das nicht unbedingt wegen der Edelsteine. So schüttelte sie eindringlich den Kopf und hob eine Hand, um ihm anzudeuten, seine Annahme verbessern zu wollen. „Nein, es geht mir primär nicht um die Edelsteine.“ Sie bemühte sich redlich, ihren Tonfall nicht allzu belehrend klingen zu lassen oder in blinde Euphorie zu verfallen. Um nicht noch mehr Zeit in der Gasse zu verschwenden, nickte sie ihm auffordernd zu und setzte sich in Bewegung, um die Akademie noch vor dem Morgengrauen zu erreichen, ohne dabei in ihrem Wortfluss zu stoppen. „Es gibt alte Geschichten, dass sie in der Lage waren, lebendes Gewebe mit totem Material zu verbinden und die Funktion des Gewebes dabei erhalten konnten. Wahrscheinlich haben sie den Nutzen dafür nur nie gefunden, daher wird dieses Können in Vergessenheit geraten sein. Mir schwirrt da die Geschichte eines Schwertes im Kopf herum, aus dem Haare wuchsen…“ Sie verzog bei dem Gedanken kurz dezent angewidert das Gesicht und winkte dann ab – vielleicht hatte sie die alte, nuschelnde Frau auf dem Markt auch nur falsch verstanden. „Ganz abgesehen davon, dass sie schnell dazu übergegangen sind, ihr Wissen einfach gar nicht mehr weiter zu geben. Nun, ich habe weiterhin Gerüchte gehört, dass vor nicht allzu langer Zeit eine alte Schmiede der Gnome hier in Oxenfurt geschlossen“, sie warf Drazan einen bedeutungsvollen Blick zu, „wurde und nehme stark an, dass sämtliche Schriften irgendwo in der Akademie eingelagert sind. Und da den Gnomen weniger die Nutzung von Magie als ausschließlich ihre vergleichsweise harmlose Andersartigkeit vorgeworfen wird, bin ich zuversichtlich, dass diese sich noch relativ vollständig und unversehrt finden lassen.“ Sie nickte, um sich in ihrer Annahme noch einmal selbst zu bestärken und beendete ihre Ausführungen abermals mit einem zufriedenen Lächeln. Dass ihre Annahme vielleicht etwas weit hergeholt war und es prinzipiell nicht dumm gewesen wäre, die Konzentration auf die vorhandenen Fälle Vilgefortz und Yennefer zu verwenden, stand außer Frage, war für Elsbeth jedoch kein Grund, davon abzulassen. Vielleicht war es der eigene Ehrgeiz, der sich dagegen sträubte, einfach etwas bereits Funktionierendes zu wiederholen und einzusehen, dass der Umweg über die Gnome ihnen vielleicht mehr als nur Zeit rauben könnte und Philippa von halbgaren Vermutungen kaum begeistert sein würde. Doch sie wusste, dass auch Drazan niemand war, der bei der Möglichkeit, etwas besser zu machen als etwaige Vorgänger den einfachen Weg der stupiden Nachahmerei wählen würde und hoffte daher, dass er ihr Vorhaben nicht gleich abschmettern würde. Auch wenn sie es nicht laut aussprechen würde, um sein eh schon zu großes Ego nicht auch noch zu bestärken: ihn bei so einem Vorhaben an der Seite zu wissen, war vielleicht nicht die allerschlechteste Option und selbst bei genauerem Nachdenken hätte sie nicht gewusst, welchen anderen Zauberer aus Nilfgaard sie dafür lieber gewählt hätte. Diese Erkenntnis ließ sie leise Seufzen und den Kopf abwartend ein wenig zur Seite neigen. Mögen musste sie ihn deshalb trotzdem nicht.
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