23.10.2021, 21:49
Ein halbherziges, spöttisches Lachen glitt ihr über die Lippen, während sie nun das Buch in ihren Schoß bettete, ihre Hände jedoch auf dem Einband liegen ließ, als müsse sie es trotz der Barriere beschützen. „Gemeinsam, genau darum geht es mir, Drazan.“, antwortete sie dann mit deutlich schroffem, vorwurfsvollem Tonfall, der durchaus von seiner erneuten Spitze gegen sie befeuert wurde. „Weißt du, auch wenn du zu stolz bist, um dir einzugestehen, dass aus mir tatsächlich etwas geworden ist – es gibt genug andere Leute, die genau das erkannt haben.“ Es verletzte sie tatsächlich, dass er sie derartig denunzierte – ja, sicher hatte es auch zu ihrer Zeit die Überflieger und Talente gegeben, denen grundsätzlich alles viel leichter gefallen war, als ihr. Doch fehlende Begabung hatte sie mit Schweiß, Tränen und viel Aufwand kompensiert und allein die Tatsache, dass es nur ein wenig Glück gebraucht hätte, um eine Anstellung am Hofe Cintras zu erhalten, hatte sicher nicht mit ihrem hübschen Gesicht zu tun. Dass er ihre Widerworte wahrscheinlich gar nicht mehr wahrgenommen hatte, war ihr ziemlich egal, dennoch hielt sie genau diese Vermutung davon ab, sich weiter in ihre eigene Verteidigung zu steigern. Stattdessen schüttelte sie nur genervt mit dem Kopf und atmete einmal tief durch, ehe sie das Buch wieder aufklappte und zur vermeintlich korrekten Seite blätterte. Sie hatte in den Jahren die wildesten Aufzeichnungen von Kollegen, Lehrern und Mitschülern studieren dürfen. Alle hatten wenig darauf gegeben, diese wirklich nachvollziehbar von Anfang bis Ende geordnet niederzuschreiben. Spontane Einschübe, Anmerkungen, wilde Reihenfolgen: sie war es mittlerweile gewohnt, um diverse Ecken zu denken und sich auf den eigenen logischen Verstand zu verlassen, um die essentiellen Dinge aus solch privaten Notizen zu ziehen. Auch wenn sie durchaus beleidigt war und sie einfach hätte gehen können, überwog das Interesse an seinem Zauber doch zu sehr – und er kannte sie wahrscheinlich gut genug, um genau das von ihr zu erwarten. Das übliche, kurze Aufbäumen und Zetern, um dann doch wieder die Füße still zu halten und ihm zuzusehen, wie er Dinge vollbrachte, an die ein durchschnittlicher Zauberer nicht einmal einen Gedanken verschwendete. Dass ihre stille Bewunderung für Drazan auch die persönliche Kränkung überwog, war ihr wahrscheinlich genauso bewusst wie ihm. Nur, dass sie hoffte, eines Tages darüber hinweg zu kommen und er sich darum einfach nicht scherte.
Sie verfolgte sein Tun aufmerksam, auch wenn ihr der akustische Eindruck fehlte, glich das, was sie sehen konnte, mit den Notizen ab und schnalzte abschätzig mit der Zunge, als das Buch in ihrer Hand Anstalten machte, ein Eigenleben zu führen. Sie kannte diese Reaktion von sehr persönlichen Dingen, von Objekten, die eigentlich nur Informationen bewahren oder anderweitig hilfreich sein sollten und ihre Aufgabe dann irgendwie zu ernst nahmen. Die fast schon leidlich wurden, wenn man ihnen diese Aufgabe verwehrte, offenbar. Ihr Griff um die Blätter war fast mitleidig sanfter geworden, als hätte sie Angst, dass das Buch spontan anfangen würde, zu jammern und sich aus ihrem Griff winden zu wollen, wie ein Welpe, der zurück zu seinem Herrchen wollte. „ICH kann nichts dafür.“, fuhr sie es an, als hätte es ihr einen stummen Vorwurf gemacht und schüttelte noch einmal über die Unnachgiebigkeit Drazans den Kopf, ehe sie ihm wieder einen kurzen Blick zuwarf und wieder umblätterte. „Wenn der Sturkopf keine Hilfe will, BITTE!“, fuhr sie dann weiter fort und wäre aus dem Kopfschütteln gar nicht herausgekommen, wenn sie ein kurzes, heftiges Zucken des Buches nicht gezwungen hätte, inne zu halten. In einer fast beruhigenden Geste legte sich ihre rechte Handfläche auf das eigenartig warme Papier, die beschäftigt wirkenden Seiten. Ihre Augenbrauen zogen sich ein wenig zusammen, während sie nun ihre ganze Aufmerksamkeit auf das Ritual richtete, das durchaus spektakulär wirkte. Irgendwie… zu spektakulär.
Instinktiv spannte sich ihr Körper an, während sich ihre Augen als Reaktion auf die hellen Blitze innerhalb des Feuers angestrengt verengten. Sie rutschte vom Tisch, um die wenigen Zentimeter, die ihr die Barriere vor ihr noch gestattete, näher zu treten, während das Buch in ihren Händen eine eigenartige Konsistenz annahm und sie sich kaum gewundert hätte, wenn es ihr in wenigen Momenten einfach wie Sand durch die Finger gerieselt wäre. Ihr Unterbewusstsein war längst in höchster Alarmbereitschaft, die sich heftig in ihrem Körper ausbreitete, als ihr klarer wurde, dass Drazan nicht mitzubekommen schien, dass dort etwas aus der Bahn geriet. Sie wusste, warum sie diese vermaledeite Elementarmagie immer gehasst hatte, dass der Respekt, dem sie vor allem Feuerzaubern zollte, durchaus aus einer vernünftigen Angst resultierte – die nun redlich gefüttert wurde. Zu viele Geschichten hatte sie von diversen Zauberinnen und Zauberern gehört, die sich damit brüsteten, das Feuer wie kein anderer zu beherrschen und letztendlich als kläglicher Aschehaufen geendet waren, zu viele Brandwunden eben jener Größenwahnsinnigen hatte sie bereits behandelt – und auch eben jener, denen ihre Angst nicht geholfen hatte, rechtzeitig zu fliehen. Ohne darüber nachzudenken legte sich ihre Hand an die Barriere, die ein sanftes Kribbeln in ihre Finger schickte und ihr ein Verständnis für die Hitze, die auf der anderen Seite lag, vermittelte. Elsbeth presste die Lippen aufeinander, im Zwiespalt darüber, ob sie Drazan genug vertraute, um ihn einfach weiter machen zu lassen, oder der Vernunft, irgendwie einzugreifen, nachzugeben. Sie an ihrer Stelle hätte längst abgebrochen – jede Sekunde, jeder noch so kurze Augenblick, der nun verstrich, bedeutete nur mehr Gefahr, mehr Kraft, weniger Kontrolle, allen guten Schutzzaubern zum Trotz. Da jede Anstrengung, seine Aufmerksamkeit irgendwie auf das zu lenken, was da offenbar unbemerkt von ihm direkt vor ihm geschah, umsonst gewesen wäre, warf sie fast trotzig das Buch zurück auf den Tisch und bereitete sich in Gedanken auf das schlimmste vor. Wenn ihr der Krieg etwas beigebracht hatte, dann war es wohl dieses stoische Ruhebewahren im Angesicht von Chaos – und das drohte hier.
Es war nicht viel Zeit, die verstrich und dennoch war es genug Zeit, um die Gedanken zu ordnen und erste, wichtige Entscheidungen zu treffen, auch wenn dies beinhaltete, Drazan nun vorerst außer Acht zu lassen und sich kurz aufmerksam einzig und allein dem Übel zu widmen, das dort in der Mitte des Raumes loderte und für diesen, ganz simpel gesagt, einfach eine Nummer zu groß war. Selbst wenn ihre Künste, Wasser aus dem umliegenden Boden zu ziehen, wirklich übermäßig ausgeprägt gewesen wären, hätte sie halb Novigrad trocken legen und riskieren müssen, die Schiffe im Hafen auf Sand laufen zu lassen, um das Feuer, das Drazan geschürt hatte, zu löschen – unabhängig von der fehlenden Zeit war dies also keine Option. Elsbeth hatte zwar kein Interesse daran, ihr Labor flächenmäßig zu vergrößern, doch im Endeffekt würde es auf so etwas hinauslaufen, schwante ihr. Um das Problem möglicher einstürzender Decken zu lösen, genügte vorerst ein relativ einfacher Schutzzauber, der jedoch kaum ausreichen würde, um die Hitze über längere Zeit unbeschadet zu überstehen. Es brauchte nur ein wenig Verstand, um sich auszumalen, was große Hitze mit den kellerfeuchten Steinen anstellen würde. Sie mussten die Energie loswerden, aus den engen Wänden schaffen, bevor sie sich selbst einen Weg bahnte oder so große Schäden anrichtete, dass es dem Haus an die Substanz ging. Der Weg nach oben war keine Möglichkeit, wenn sie heute Nacht nicht unter freiem Himmel schlafen wollten, die Schäden am Fundament des Hauses, wenn sie die Kanalisation ans Ziel wählte, schienen ihr ebenfalls als zu risikoreich, sodass der einzige Weg auf gleicher Ebene lag. Mit einem schnellen Blick über die Schulter schätzte sie die günstigste Richtung ab – den kürzesten Weg vom Haus fort, in den Garten, den wunderschönen Garten, von dem wahrscheinlich nicht viel übrig bleiben würde. Da sie keine Zeit hatte, weitere Unternehmungen zu starten, um die Stabilität der Decke zu sichern, musste sie schnell sein und dem Höllenfeuer irgendwie eine Richtung auf zwängen. Unterstützung dabei wäre mehr als hilfreich – und so blickte sie nun wieder zum Ursprung allen Übels, zum Missetäter und wohl erstem Opfer, wenn nun irgendetwas schiefgehen würde. Der kurze Moment, der verflog, bis auch sie die Barriere zwischen ihm und sich löste, war so marginal, dass das Auflösen fast synchron geschah. Plötzlich sowohl mit dem Geruch als auch den Geräuschen des Zaubers konfrontiert, der kurz all ihre Sinne einnahm und sofort die Erinnerung an die Front in Cintra in ihr weckte, setzte sie vielleicht einen Moment lang außer Gefecht, sodass erst der beginnende Schmerz der Hitze, der nun ungebremst auf ihre Haut prallte, sie dazu brachte, den nächsten Zauber aus dem Handgelenk zu schütteln und sich selbst vor dem Feuertod zu bewahren. Doch im Gegensatz zu Drazan beschränkte sie den Schutz nicht auf sich, sondern schirmte, ganz so, wie sie es im Krieg gelernt hatte, auch ihn mit ab, teilte den Raum in zwei Hälften. Ein durchaus kraftraubender aber über die Zeit ins Fleisch und Blut übergegangener Akt, über den sie gar nicht mehr nachdenken brauchte, dessen Beschwörung ihr wie ein tausendmal gesagtes Gebet über die Lippen glitt und sie einhändig mit der Rechten in die Luft schrieb, als wäre es eine lapidare Handbewegung wie ein Winken zum Gruß. Im gleichen Zuge löschte sie mit einem fast beiläufigen Drehen der linken Hand die nun vom Ursprung abgeschnittenen Flammen, die sich bereits in das Mobiliar fraßen, auch wenn sie wenig Hoffnung hatte, dass auch nur ein Ding in diesem Raum – sich und Drazan ausgenommen – unbeschadet bleiben würde.
Das nun unkontrollierte Schlagen der Flammen in ihre Richtung, überhaupt in jede Richtung ließ darauf schließen, dass Drazan die Kontrolle weiter und weiter aus den Händen glitt. Mit rasendem Herzen und mit ausgestreckter rechter Hand, die das eigene magische, deutlich unter dem Wirken des Feuers pulsierende Schutzschild aufrecht und es vorerst am Vordringen weiter in ihre Richtung abhielt, wanderte ihr Blick sorgenvoll zur Decke, deren als leichtes Glimmen erkennbarer Schutzzauber direkt über dem Ausgangspunkt des Schauspiels bereits gefährliche Risse zeigte. „Das muss weg, Drazan!“, rief sie nun mit deutlichem Beben in der Stimme zu ihm hinüber, als sie endlich ihre Worte fand. „In den Garten. Zum Teich. Ganz egal, es muss WEG!“ Sie konnte nicht sagen, ob es die Hitze war, die sich unsichtbar durch ihre Fingerspitzen schmerzhaft durch die Adern im Körper ausbreitete und die flimmernde Barriere zum Beben brachte, oder das Aussprechen der Tatsachen. Einen winzig kleinen Bruchteil der Energie auf der anderen Seite nutzte sie nun, auch wenn das unangenehme Gefühl, das die Umleitung durch den Körper von der einen und die andere Handfläche mitbrachte, ihr beinahe den Magen umdrehte, um einen Teil der Wand hinter ihr zu treffen und das Erdreich hinter den Steinen freizulegen, von dem sie sich versprach, dass es die überschüssige Kraft im Raum aufnehmen und mit ein wenig Hilfe halbwegs zielgerichtet abfangen würde. Die Wucht, die hinter ihrem Zauber lag, erschreckte sie selbst, das lautstarke Zersplittern der Steine, die sich in tausend Teilen über den kompletten Raum verteilten und wie Geschosse auf ihre Schutzschilder trafen, ließ sie heftig zusammenzucken. Dass sie nun Beide direkt zwischen der Feuerwand und dem angestrebten Ausgang für eben diese standen, entlockte ihr ein zweifelndes Neigen des Kopfes und einen bedeutungsschweren Blick zu Drazan. „Ich kann nicht Beides machen. Ich pass auf uns auf und du schmeißt es raus.“
Sie verfolgte sein Tun aufmerksam, auch wenn ihr der akustische Eindruck fehlte, glich das, was sie sehen konnte, mit den Notizen ab und schnalzte abschätzig mit der Zunge, als das Buch in ihrer Hand Anstalten machte, ein Eigenleben zu führen. Sie kannte diese Reaktion von sehr persönlichen Dingen, von Objekten, die eigentlich nur Informationen bewahren oder anderweitig hilfreich sein sollten und ihre Aufgabe dann irgendwie zu ernst nahmen. Die fast schon leidlich wurden, wenn man ihnen diese Aufgabe verwehrte, offenbar. Ihr Griff um die Blätter war fast mitleidig sanfter geworden, als hätte sie Angst, dass das Buch spontan anfangen würde, zu jammern und sich aus ihrem Griff winden zu wollen, wie ein Welpe, der zurück zu seinem Herrchen wollte. „ICH kann nichts dafür.“, fuhr sie es an, als hätte es ihr einen stummen Vorwurf gemacht und schüttelte noch einmal über die Unnachgiebigkeit Drazans den Kopf, ehe sie ihm wieder einen kurzen Blick zuwarf und wieder umblätterte. „Wenn der Sturkopf keine Hilfe will, BITTE!“, fuhr sie dann weiter fort und wäre aus dem Kopfschütteln gar nicht herausgekommen, wenn sie ein kurzes, heftiges Zucken des Buches nicht gezwungen hätte, inne zu halten. In einer fast beruhigenden Geste legte sich ihre rechte Handfläche auf das eigenartig warme Papier, die beschäftigt wirkenden Seiten. Ihre Augenbrauen zogen sich ein wenig zusammen, während sie nun ihre ganze Aufmerksamkeit auf das Ritual richtete, das durchaus spektakulär wirkte. Irgendwie… zu spektakulär.
Instinktiv spannte sich ihr Körper an, während sich ihre Augen als Reaktion auf die hellen Blitze innerhalb des Feuers angestrengt verengten. Sie rutschte vom Tisch, um die wenigen Zentimeter, die ihr die Barriere vor ihr noch gestattete, näher zu treten, während das Buch in ihren Händen eine eigenartige Konsistenz annahm und sie sich kaum gewundert hätte, wenn es ihr in wenigen Momenten einfach wie Sand durch die Finger gerieselt wäre. Ihr Unterbewusstsein war längst in höchster Alarmbereitschaft, die sich heftig in ihrem Körper ausbreitete, als ihr klarer wurde, dass Drazan nicht mitzubekommen schien, dass dort etwas aus der Bahn geriet. Sie wusste, warum sie diese vermaledeite Elementarmagie immer gehasst hatte, dass der Respekt, dem sie vor allem Feuerzaubern zollte, durchaus aus einer vernünftigen Angst resultierte – die nun redlich gefüttert wurde. Zu viele Geschichten hatte sie von diversen Zauberinnen und Zauberern gehört, die sich damit brüsteten, das Feuer wie kein anderer zu beherrschen und letztendlich als kläglicher Aschehaufen geendet waren, zu viele Brandwunden eben jener Größenwahnsinnigen hatte sie bereits behandelt – und auch eben jener, denen ihre Angst nicht geholfen hatte, rechtzeitig zu fliehen. Ohne darüber nachzudenken legte sich ihre Hand an die Barriere, die ein sanftes Kribbeln in ihre Finger schickte und ihr ein Verständnis für die Hitze, die auf der anderen Seite lag, vermittelte. Elsbeth presste die Lippen aufeinander, im Zwiespalt darüber, ob sie Drazan genug vertraute, um ihn einfach weiter machen zu lassen, oder der Vernunft, irgendwie einzugreifen, nachzugeben. Sie an ihrer Stelle hätte längst abgebrochen – jede Sekunde, jeder noch so kurze Augenblick, der nun verstrich, bedeutete nur mehr Gefahr, mehr Kraft, weniger Kontrolle, allen guten Schutzzaubern zum Trotz. Da jede Anstrengung, seine Aufmerksamkeit irgendwie auf das zu lenken, was da offenbar unbemerkt von ihm direkt vor ihm geschah, umsonst gewesen wäre, warf sie fast trotzig das Buch zurück auf den Tisch und bereitete sich in Gedanken auf das schlimmste vor. Wenn ihr der Krieg etwas beigebracht hatte, dann war es wohl dieses stoische Ruhebewahren im Angesicht von Chaos – und das drohte hier.
Es war nicht viel Zeit, die verstrich und dennoch war es genug Zeit, um die Gedanken zu ordnen und erste, wichtige Entscheidungen zu treffen, auch wenn dies beinhaltete, Drazan nun vorerst außer Acht zu lassen und sich kurz aufmerksam einzig und allein dem Übel zu widmen, das dort in der Mitte des Raumes loderte und für diesen, ganz simpel gesagt, einfach eine Nummer zu groß war. Selbst wenn ihre Künste, Wasser aus dem umliegenden Boden zu ziehen, wirklich übermäßig ausgeprägt gewesen wären, hätte sie halb Novigrad trocken legen und riskieren müssen, die Schiffe im Hafen auf Sand laufen zu lassen, um das Feuer, das Drazan geschürt hatte, zu löschen – unabhängig von der fehlenden Zeit war dies also keine Option. Elsbeth hatte zwar kein Interesse daran, ihr Labor flächenmäßig zu vergrößern, doch im Endeffekt würde es auf so etwas hinauslaufen, schwante ihr. Um das Problem möglicher einstürzender Decken zu lösen, genügte vorerst ein relativ einfacher Schutzzauber, der jedoch kaum ausreichen würde, um die Hitze über längere Zeit unbeschadet zu überstehen. Es brauchte nur ein wenig Verstand, um sich auszumalen, was große Hitze mit den kellerfeuchten Steinen anstellen würde. Sie mussten die Energie loswerden, aus den engen Wänden schaffen, bevor sie sich selbst einen Weg bahnte oder so große Schäden anrichtete, dass es dem Haus an die Substanz ging. Der Weg nach oben war keine Möglichkeit, wenn sie heute Nacht nicht unter freiem Himmel schlafen wollten, die Schäden am Fundament des Hauses, wenn sie die Kanalisation ans Ziel wählte, schienen ihr ebenfalls als zu risikoreich, sodass der einzige Weg auf gleicher Ebene lag. Mit einem schnellen Blick über die Schulter schätzte sie die günstigste Richtung ab – den kürzesten Weg vom Haus fort, in den Garten, den wunderschönen Garten, von dem wahrscheinlich nicht viel übrig bleiben würde. Da sie keine Zeit hatte, weitere Unternehmungen zu starten, um die Stabilität der Decke zu sichern, musste sie schnell sein und dem Höllenfeuer irgendwie eine Richtung auf zwängen. Unterstützung dabei wäre mehr als hilfreich – und so blickte sie nun wieder zum Ursprung allen Übels, zum Missetäter und wohl erstem Opfer, wenn nun irgendetwas schiefgehen würde. Der kurze Moment, der verflog, bis auch sie die Barriere zwischen ihm und sich löste, war so marginal, dass das Auflösen fast synchron geschah. Plötzlich sowohl mit dem Geruch als auch den Geräuschen des Zaubers konfrontiert, der kurz all ihre Sinne einnahm und sofort die Erinnerung an die Front in Cintra in ihr weckte, setzte sie vielleicht einen Moment lang außer Gefecht, sodass erst der beginnende Schmerz der Hitze, der nun ungebremst auf ihre Haut prallte, sie dazu brachte, den nächsten Zauber aus dem Handgelenk zu schütteln und sich selbst vor dem Feuertod zu bewahren. Doch im Gegensatz zu Drazan beschränkte sie den Schutz nicht auf sich, sondern schirmte, ganz so, wie sie es im Krieg gelernt hatte, auch ihn mit ab, teilte den Raum in zwei Hälften. Ein durchaus kraftraubender aber über die Zeit ins Fleisch und Blut übergegangener Akt, über den sie gar nicht mehr nachdenken brauchte, dessen Beschwörung ihr wie ein tausendmal gesagtes Gebet über die Lippen glitt und sie einhändig mit der Rechten in die Luft schrieb, als wäre es eine lapidare Handbewegung wie ein Winken zum Gruß. Im gleichen Zuge löschte sie mit einem fast beiläufigen Drehen der linken Hand die nun vom Ursprung abgeschnittenen Flammen, die sich bereits in das Mobiliar fraßen, auch wenn sie wenig Hoffnung hatte, dass auch nur ein Ding in diesem Raum – sich und Drazan ausgenommen – unbeschadet bleiben würde.
Das nun unkontrollierte Schlagen der Flammen in ihre Richtung, überhaupt in jede Richtung ließ darauf schließen, dass Drazan die Kontrolle weiter und weiter aus den Händen glitt. Mit rasendem Herzen und mit ausgestreckter rechter Hand, die das eigene magische, deutlich unter dem Wirken des Feuers pulsierende Schutzschild aufrecht und es vorerst am Vordringen weiter in ihre Richtung abhielt, wanderte ihr Blick sorgenvoll zur Decke, deren als leichtes Glimmen erkennbarer Schutzzauber direkt über dem Ausgangspunkt des Schauspiels bereits gefährliche Risse zeigte. „Das muss weg, Drazan!“, rief sie nun mit deutlichem Beben in der Stimme zu ihm hinüber, als sie endlich ihre Worte fand. „In den Garten. Zum Teich. Ganz egal, es muss WEG!“ Sie konnte nicht sagen, ob es die Hitze war, die sich unsichtbar durch ihre Fingerspitzen schmerzhaft durch die Adern im Körper ausbreitete und die flimmernde Barriere zum Beben brachte, oder das Aussprechen der Tatsachen. Einen winzig kleinen Bruchteil der Energie auf der anderen Seite nutzte sie nun, auch wenn das unangenehme Gefühl, das die Umleitung durch den Körper von der einen und die andere Handfläche mitbrachte, ihr beinahe den Magen umdrehte, um einen Teil der Wand hinter ihr zu treffen und das Erdreich hinter den Steinen freizulegen, von dem sie sich versprach, dass es die überschüssige Kraft im Raum aufnehmen und mit ein wenig Hilfe halbwegs zielgerichtet abfangen würde. Die Wucht, die hinter ihrem Zauber lag, erschreckte sie selbst, das lautstarke Zersplittern der Steine, die sich in tausend Teilen über den kompletten Raum verteilten und wie Geschosse auf ihre Schutzschilder trafen, ließ sie heftig zusammenzucken. Dass sie nun Beide direkt zwischen der Feuerwand und dem angestrebten Ausgang für eben diese standen, entlockte ihr ein zweifelndes Neigen des Kopfes und einen bedeutungsschweren Blick zu Drazan. „Ich kann nicht Beides machen. Ich pass auf uns auf und du schmeißt es raus.“
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