23.10.2021, 20:19
Zum ersten Mal konnte sie den Worten des Zauberers aufmerksam zuhören, ohne direkt in den nächsten Anfall zu geraten. Anders als vorher beruhigten sie seine Aussagen sogar ein wenig – sie kannte die Menschen der Niedermark gut genug, dass sie ihnen durchaus zutraute, vernünftig zu handeln und sich den Eroberern fügen würden. Dennoch zeigte ihr Blick eine gewisse Besorgtheit und Zweifel, immerhin wollte sie dem Mann, der dort vor ihrer Zelle saß, nicht blind vertrauen. Erzählen konnte er ihr Vieles. Mit einem leichten Nicken und Senken des Blickes deutete sie an, dass sie verstanden und soweit keine Einwände hatte. Wahrscheinlich erging es ihren Leuten besser mit der Niederlage gegen Nilfgaard, als es ihnen bei einer Niederlage gegen Kaedwen ergangen wäre.
Der angesprochene Gefallen ließ sie aufblicken – misstrauisch lehnte sie sich ein Stück auf dem Stuhl zurück. Natürlich kannte sie ihre Stadt – Vergen war immerhin der Ort auf der Welt, an dem sie sich die meiste Zeit ihres Lebens aufgehalten hatte. Und sicher wusste sie um die günstige Lage, die festen Mauern, an denen sich viele Königreiche ihre Zähne ausgebissen hatten und um die Schätze, die in den Minen in den Ausläufern der mahakamschen Berge lagen. Doch sie hatte Vergen nicht deshalb zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht. Es waren die Menschen, Zwerge, Elfen und Gnome gewesen, die die Stadt zu einem außergewöhnlichen, für sie fast schon liebreizenden Ort gemacht hatten, für den sie bereit war, jede Schlacht zu schlagen. Und so musste sie sich eingestehen, dass es der Stadt nur gerecht gegenüber gewesen wäre, sie wieder aufbauen zu lassen und ihre Vorzüge nicht in Trümmern verkommen zu lassen – auch wenn es unter der schwarzen Flagge mit der goldenen Sonne geschehen würde. Sie wandte den Blick von ihm ab, als er ihr den Vorschlag machte, sich selbst an die Überlebenden zu wenden und sie zur Vernunft zu rufen. Die Vorstellung, als geschlagenes Idol vor sie zu treten und sie trotz der Niederlage um einen weiteren Gefallen zu bitten, lag ihr wie ein schwerer Stein im Magen. Ja, sie würde die Gelegenheit wohl oder übel nutzen um ein letztes Mal vor ihre persönlichen Schätze zu treten und ihnen den Rat, sich zu fügen, auf den Weg mitgeben, das war sie ihnen irgendwie schuldig. Und selbst wenn man sie mit Spott und Hohn vom Platz jagen würde – irgendwie hätte sie es sogar verdient. Die wohl nett gemeinte Aussicht, die Niedermark unter Umständen zur freien Provinz zu machen, klang im Vergleich höhnisch und in ihren Ohren so absurd, dass sie nur mit einem schwachen Kopfschütteln reagieren konnte. Sie war nicht dafür gemacht, einem König oder Kaiser zu folgen und daran konnte nicht einmal die Aussicht auf eine Rückkehr in ihre Niedermark etwas ändern. Sie hätte abschließend gern etwas gesagt, doch der Berg an weiteren Herausforderungen, der sich mit seinen Worten nun vor ihr aufgetan hatte, verschlug ihr wortwörtlich die Sprache. Selbst wenn sie Worte gefunden hätte, hätte der Kloß im Hals sie daran gehindert, sie auszusprechen. Und so schwieg sie, nachdenklich ins Leere blickend, bis er das Thema wechselte und seine Bewegung sie aus den Gedanken riss.
Es war viel mehr ein Reflex als eine geplante Bewegung, die sie machte, um ihm das dargereichte Obst abzunehmen. Sie hielt die Stücke jedoch ohne Anstalten zu machen, sie zu Essen, sorgsam in den Handflächen, die Hände auf die Oberschenkel gebettet, als hätte er sie darum gebeten, auf sie Acht zu geben. Dass sie seine Stimme nun wieder als durchaus anstrengend empfand machte sie mit einem angestrengten Blinzeln und einem leisen Seufzen deutlich. Sie konnte die Faszination an ihrer eigenen Person seit jeher nicht nachvollziehen – so, wie sich jeder normale Mensch selbst nicht sonderlich interessant fand, fand sie sich auch nicht interessanter als den Schmied vom anderen Ende der Straße. Sie blickte stoisch auf das Fruchtfleisch in ihren Händen hinab, und schlug bei seinen letzten Worten die Lider nieder. „Es ist Philippa, nicht wahr?“, fragte sie dann, vermeintlich zusammenhangslos. Ihre Stimme klang rau und deutlich bewegt. Sie presste die Lippen für einen Moment aufeinander. Es brauchte keinen überaus scharfen Verstand, um die passenden Rückschlüsse zu ziehen. „Ich hoffe ihr wisst, worauf ihr Euch da eingelassen habt.“ Das Lächeln, dass sie ihm schenkte war überaus ehrlich: voller Mitleid. Nun war es an ihr, ein kurzes Lachen über die Lippen zu bringen. „Sie kennt mich gut, in jeglicher Gestalt. Welche Lücken in eurem Wissen, die sie nicht schließen kann, sollte ich füllen können?“ Sie blickte ihn offen an, lehnte sich wieder an die Stuhllehne, darauf die Gabe in den Händen weiter sicher zu halten. „Es gibt viele Sachen auf der Welt, die ich mir nicht erklären kann und ich möchte ehrlich sein: ich gehöre da irgendwie auch dazu.“ Nicht, dass sie sich nächtelang mit der Frage nach ihrem eigenen Sein um die Ohren geschlagen hätte – doch wer stellte schon die eigene Natur in Frage? Saskia selbst sah sich selbst als anders an, durchaus. Doch nicht als etwas Besonderes, dass haarklein erklärt und auseinandergenommen werden musste.
Der angesprochene Gefallen ließ sie aufblicken – misstrauisch lehnte sie sich ein Stück auf dem Stuhl zurück. Natürlich kannte sie ihre Stadt – Vergen war immerhin der Ort auf der Welt, an dem sie sich die meiste Zeit ihres Lebens aufgehalten hatte. Und sicher wusste sie um die günstige Lage, die festen Mauern, an denen sich viele Königreiche ihre Zähne ausgebissen hatten und um die Schätze, die in den Minen in den Ausläufern der mahakamschen Berge lagen. Doch sie hatte Vergen nicht deshalb zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht. Es waren die Menschen, Zwerge, Elfen und Gnome gewesen, die die Stadt zu einem außergewöhnlichen, für sie fast schon liebreizenden Ort gemacht hatten, für den sie bereit war, jede Schlacht zu schlagen. Und so musste sie sich eingestehen, dass es der Stadt nur gerecht gegenüber gewesen wäre, sie wieder aufbauen zu lassen und ihre Vorzüge nicht in Trümmern verkommen zu lassen – auch wenn es unter der schwarzen Flagge mit der goldenen Sonne geschehen würde. Sie wandte den Blick von ihm ab, als er ihr den Vorschlag machte, sich selbst an die Überlebenden zu wenden und sie zur Vernunft zu rufen. Die Vorstellung, als geschlagenes Idol vor sie zu treten und sie trotz der Niederlage um einen weiteren Gefallen zu bitten, lag ihr wie ein schwerer Stein im Magen. Ja, sie würde die Gelegenheit wohl oder übel nutzen um ein letztes Mal vor ihre persönlichen Schätze zu treten und ihnen den Rat, sich zu fügen, auf den Weg mitgeben, das war sie ihnen irgendwie schuldig. Und selbst wenn man sie mit Spott und Hohn vom Platz jagen würde – irgendwie hätte sie es sogar verdient. Die wohl nett gemeinte Aussicht, die Niedermark unter Umständen zur freien Provinz zu machen, klang im Vergleich höhnisch und in ihren Ohren so absurd, dass sie nur mit einem schwachen Kopfschütteln reagieren konnte. Sie war nicht dafür gemacht, einem König oder Kaiser zu folgen und daran konnte nicht einmal die Aussicht auf eine Rückkehr in ihre Niedermark etwas ändern. Sie hätte abschließend gern etwas gesagt, doch der Berg an weiteren Herausforderungen, der sich mit seinen Worten nun vor ihr aufgetan hatte, verschlug ihr wortwörtlich die Sprache. Selbst wenn sie Worte gefunden hätte, hätte der Kloß im Hals sie daran gehindert, sie auszusprechen. Und so schwieg sie, nachdenklich ins Leere blickend, bis er das Thema wechselte und seine Bewegung sie aus den Gedanken riss.
Es war viel mehr ein Reflex als eine geplante Bewegung, die sie machte, um ihm das dargereichte Obst abzunehmen. Sie hielt die Stücke jedoch ohne Anstalten zu machen, sie zu Essen, sorgsam in den Handflächen, die Hände auf die Oberschenkel gebettet, als hätte er sie darum gebeten, auf sie Acht zu geben. Dass sie seine Stimme nun wieder als durchaus anstrengend empfand machte sie mit einem angestrengten Blinzeln und einem leisen Seufzen deutlich. Sie konnte die Faszination an ihrer eigenen Person seit jeher nicht nachvollziehen – so, wie sich jeder normale Mensch selbst nicht sonderlich interessant fand, fand sie sich auch nicht interessanter als den Schmied vom anderen Ende der Straße. Sie blickte stoisch auf das Fruchtfleisch in ihren Händen hinab, und schlug bei seinen letzten Worten die Lider nieder. „Es ist Philippa, nicht wahr?“, fragte sie dann, vermeintlich zusammenhangslos. Ihre Stimme klang rau und deutlich bewegt. Sie presste die Lippen für einen Moment aufeinander. Es brauchte keinen überaus scharfen Verstand, um die passenden Rückschlüsse zu ziehen. „Ich hoffe ihr wisst, worauf ihr Euch da eingelassen habt.“ Das Lächeln, dass sie ihm schenkte war überaus ehrlich: voller Mitleid. Nun war es an ihr, ein kurzes Lachen über die Lippen zu bringen. „Sie kennt mich gut, in jeglicher Gestalt. Welche Lücken in eurem Wissen, die sie nicht schließen kann, sollte ich füllen können?“ Sie blickte ihn offen an, lehnte sich wieder an die Stuhllehne, darauf die Gabe in den Händen weiter sicher zu halten. „Es gibt viele Sachen auf der Welt, die ich mir nicht erklären kann und ich möchte ehrlich sein: ich gehöre da irgendwie auch dazu.“ Nicht, dass sie sich nächtelang mit der Frage nach ihrem eigenen Sein um die Ohren geschlagen hätte – doch wer stellte schon die eigene Natur in Frage? Saskia selbst sah sich selbst als anders an, durchaus. Doch nicht als etwas Besonderes, dass haarklein erklärt und auseinandergenommen werden musste.
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