23.10.2021, 20:18
Sie bildete sich ein, seinen Blick in ihrem Nacken spüren zu können und zog daraufhin mit stummem Groll die Augenbrauen zusammen, weiter an die Wand starrend. Seiner Antwort auf ihre Frage vermochte sie keinen Glauben zu schenken, denn er war immer noch anwesend und würde wohl kaum den Mund halten können. Die Stille, die sich wieder Erwarten nun doch einstellte, ließ sie misstrauisch werden und sich nun doch auf den Rücken wenden, um ihn weniger umständlich und unbequem ins Sichtfeld zu bekommen. „Ich musste lediglich sicherstellen, dass ihr kein sabbernder Fall für die Gottesanbeter werdet.“ Sein zufriedener Gesichtsausdruck und seine Erklärung über das erneute Auftauchen ließen sie fast schon amüsiert Schnauben. „Da müsstet Ihr wohl schon noch ein wenig mehr Aufwand für betreiben.“, antwortete sie dann bissig und fühlte sich durchaus persönlich getroffen davon, dass er sie offenbar immer noch so unterschätzte. Sicher, der Zauber war schmerzhaft und effektiv gewesen, doch weitreichende Folgeschäden hatte sie wohl kaum davon zu befürchten. Albträume, allerhöchstens. Sein Lächeln brachte sie dazu, sich mit einem fast schon angewiderten Blick wieder von ihm abzuwenden und nun stoisch an die Decke des Zeltes zu blicken. Nun, offenbar hatte der Zauber auch ihre Wut ein wenig gezügelt, denn ihre Gedanken waren nicht sogleich wieder mit dem Wunsch nach seinem gebrochenen Genick gefüllt, sondern mit der Erinnerung an Philippas Liebeszauber, der durchaus Folgeschäden mit sich gebracht hatte. Sie verzog in schmerzlicher Erkenntnis das Gesicht und traute dem Nilfgaarder dennoch nicht zu, dass er zu solchen weitgreifenden Zaubern in der Lage war. Sonst würde er wohl kaum an der Front seine Bestimmung suchen. Amateur. Pah.
An einem anderen Tag hätte sie wohl über ihre Gedanken gelacht, weil sie absurd waren. Sie konnte und wollte den Zauberer nicht einschätzen, ihn nicht Philippa vergleichen. Weil es ihr nicht zustand, weil sie aller eigenen Fähigkeiten zum Trotz offensichtlich unterlegen war und damit den eigenen Spott verdient hätte. Sie war nicht in der Position, ihn abzuwerten, hätte ihn wahrscheinlich sogar beglückwünschen sollen, wenn das letzte bisschen Stolz, das sie gerade noch finden konnte, standhaft davon abriet. Ja, vielleicht war sie einfach zu stur, um sich mit der Situation abzufinden. Aber sie wollte, nein, musste sich wenigstens einen Tag des puren Grolls gestatten über ihre Niederlage, ihre Verluste – alles andere hätte sich wie ein tiefer Verrat angefühlt, auch wenn es wahrscheinlich nur noch wenig Personen in der Niedermark gab, die ihr einen Vorwurf hätten machen können. Wieder zogen sich ihre Augenbrauen zusammen, ehe sie sich erneut auf die Seite rollte – von ihm weg, natürlich. Morgen vielleicht würde sie weiter mit ihm reden. Für heute wollte sie kein Wort mehr verlieren. „Morgen.“, meinte sie dann leise und senkte die Lider. „Lasst uns Morgen reden.“ Man hätte den Tonfall ihrer Kapitulation fast schon versöhnlich nennen können.
Schon weit vor den ersten Geräuschen, die darauf hindeuteten, dass das Lager langsam erwachte, hatte Saskia die Augen wieder geöffnet. Wirklichen Schlaf hatte sie nicht gefunden, zu viele Gedanken hatten sie wachgehalten. Sie hatte sich ausgemalt, wie die Vergener ihre Flucht durch die Minen geschafft hatten und hatte im nächsten Moment die leblosen Körper ihrer Freunde vor ihrem inneren Auge gesehen. Sie hatte sich eingebildet, dass sie den Geruch der verbrannten Leichen wahrnehmen konnte, als hätte sie direkt neben den schwelenden Knochen gestanden. Da sie wusste, dass es durchaus Geister gab, hatte sie sogar kurz die Furcht gepackt, für immer von ihren Kameraden verfolgt zu werden, weil sie aller Wahrscheinlichkeit nach kaum ein vernünftiges Begräbnis erhalten würden. Hätte man sie nur gelassen, hätte sie für jeden einzelnen Gefallenen ein Grab eigenhändig ausgehoben. Und vielleicht hatte sie sogar in die Nacht gelauscht und gehofft, dass ein Aufruhr im Lager losbrechen würde, weil jemand kam, um sie zu retten. Wie in den Geschichten, die ihr Vater ihr damals erzählt hatte – die Rettung der ungerecht Gefangenen. Die Rettung der Prinzessin. Aber nichts dergleichen geschah, wahrscheinlich weil sie weder eine hübsche Prinzessin geschweige denn zu Unrecht eingesperrt war. Und in den Geschichten wurden die Menschen auch vor Drachen gerettet – nicht umgekehrt.
Ihr Körper fühlte sich endlich wieder an, als würde er zu ihr gehören, sah sie vom unterschwelligen Kribbeln der Haut unter den Dimeritiumfesseln ab. In der Dunkelheit des Zeltes hatte sie sich leise zum Tisch bewegt und eindeutig zu lange in Gedanken versunken auf den Überwurf gestarrt, den der Zauberer dort abgelegt hatte. Mit einem stummen Seufzen – immerhin wollte sie die Ruhe noch so lange wie möglich ausnutzen – griff sie nach dem einfachen Stoff und warf ihn sich über die Schultern. Wenn sie doch wenigstens ihre Hände unabhängig voneinander bewegen könnte. Sie schnalzte leise mit der Zunge, als sie sich wieder auf dem Bett niederließ und hob die Kette, die eben dies verhinderte vor ihre zusammengekniffenen Augen. Das mittlere Kettenglied hatte sich bei ihrem gestrigen Aufstand bereits deutlich verformt. Sie warf einen kurzen Blick durch die Zelle, die selbstverständlich nicht mit irgendeinem für ihr Vorhaben nützlichem Gerät ausgestattet war. Dann musste sie wohl doch rohe Gewalt anwenden. Mit einem tiefen Atemzug bereitete sie sich seelisch und moralisch auf den kommenden Schmerz vor. Sie machte es so kurz und schmerzlos wie möglich – nur für einen Augenblick erlaubte sie ihrer inneren Bestie ein kurzes Aufbegehren, gerade genug, um mit einem einzigen Ruck der Handgelenke in entgegengesetzte Richtungen das Kettenglied endgültig aufzubiegen. Das goldene Schimmern unter ihrer Haut verschwand so schnell, wie es gekommen war. Sie atmete keuchend aus, ließ die Hände in den Schoß sinken und verharrte einen Moment, in den Schmerz in ihren Armen hineinlauschend, ehe sie mit der rechten Hand das verdrehte Stück Dimeritium mühsam mit zitternden Fingern aus den benachbarten Gliedern löste und mit einem präzisen Schwung aus dem Handgelenk auf den Tisch warf.
Ein leichter Anflug von Zufriedenheit breitete sich in ihr aus. Nicht, dass ihr damit jetzt geholfen wäre, aber es war ein erster Schritt, den sie auch beliebig oft wiederholen würde, würde der Zauberer auf die Idee kommen, die Fesseln auszutauschen – sofern er einen Vorrat haben sollte, was sie ihm durchaus zutraute. Das größte Übel konnten die Fesseln aber auch so verhindern – zumindest ahnte Saskia dies und machte keinerlei Anstalten, es gleich einmal auszuprobieren. Sie räkelte die Schultern, die sich über die zurückgewonnene Bewegungsfreiheit ebenso freuten, wie sie selbst, streckte sich und ließ sich dann auf die Seite auf das Bett fallen – abwartend. Aufmerksam lauschte sie ins Dunkel hinein. Wieder der kurze Anflug der Hoffnung – doch es kam keine Hilfe. Keine Scoia’Tael, keine Zwerge, keine Hexer, keine Einhörner und keine Drachen. Noch nie in ihrem kurzen Leben hatte sie so allein so tief in der Scheiße gesessen.
An einem anderen Tag hätte sie wohl über ihre Gedanken gelacht, weil sie absurd waren. Sie konnte und wollte den Zauberer nicht einschätzen, ihn nicht Philippa vergleichen. Weil es ihr nicht zustand, weil sie aller eigenen Fähigkeiten zum Trotz offensichtlich unterlegen war und damit den eigenen Spott verdient hätte. Sie war nicht in der Position, ihn abzuwerten, hätte ihn wahrscheinlich sogar beglückwünschen sollen, wenn das letzte bisschen Stolz, das sie gerade noch finden konnte, standhaft davon abriet. Ja, vielleicht war sie einfach zu stur, um sich mit der Situation abzufinden. Aber sie wollte, nein, musste sich wenigstens einen Tag des puren Grolls gestatten über ihre Niederlage, ihre Verluste – alles andere hätte sich wie ein tiefer Verrat angefühlt, auch wenn es wahrscheinlich nur noch wenig Personen in der Niedermark gab, die ihr einen Vorwurf hätten machen können. Wieder zogen sich ihre Augenbrauen zusammen, ehe sie sich erneut auf die Seite rollte – von ihm weg, natürlich. Morgen vielleicht würde sie weiter mit ihm reden. Für heute wollte sie kein Wort mehr verlieren. „Morgen.“, meinte sie dann leise und senkte die Lider. „Lasst uns Morgen reden.“ Man hätte den Tonfall ihrer Kapitulation fast schon versöhnlich nennen können.
Schon weit vor den ersten Geräuschen, die darauf hindeuteten, dass das Lager langsam erwachte, hatte Saskia die Augen wieder geöffnet. Wirklichen Schlaf hatte sie nicht gefunden, zu viele Gedanken hatten sie wachgehalten. Sie hatte sich ausgemalt, wie die Vergener ihre Flucht durch die Minen geschafft hatten und hatte im nächsten Moment die leblosen Körper ihrer Freunde vor ihrem inneren Auge gesehen. Sie hatte sich eingebildet, dass sie den Geruch der verbrannten Leichen wahrnehmen konnte, als hätte sie direkt neben den schwelenden Knochen gestanden. Da sie wusste, dass es durchaus Geister gab, hatte sie sogar kurz die Furcht gepackt, für immer von ihren Kameraden verfolgt zu werden, weil sie aller Wahrscheinlichkeit nach kaum ein vernünftiges Begräbnis erhalten würden. Hätte man sie nur gelassen, hätte sie für jeden einzelnen Gefallenen ein Grab eigenhändig ausgehoben. Und vielleicht hatte sie sogar in die Nacht gelauscht und gehofft, dass ein Aufruhr im Lager losbrechen würde, weil jemand kam, um sie zu retten. Wie in den Geschichten, die ihr Vater ihr damals erzählt hatte – die Rettung der ungerecht Gefangenen. Die Rettung der Prinzessin. Aber nichts dergleichen geschah, wahrscheinlich weil sie weder eine hübsche Prinzessin geschweige denn zu Unrecht eingesperrt war. Und in den Geschichten wurden die Menschen auch vor Drachen gerettet – nicht umgekehrt.
Ihr Körper fühlte sich endlich wieder an, als würde er zu ihr gehören, sah sie vom unterschwelligen Kribbeln der Haut unter den Dimeritiumfesseln ab. In der Dunkelheit des Zeltes hatte sie sich leise zum Tisch bewegt und eindeutig zu lange in Gedanken versunken auf den Überwurf gestarrt, den der Zauberer dort abgelegt hatte. Mit einem stummen Seufzen – immerhin wollte sie die Ruhe noch so lange wie möglich ausnutzen – griff sie nach dem einfachen Stoff und warf ihn sich über die Schultern. Wenn sie doch wenigstens ihre Hände unabhängig voneinander bewegen könnte. Sie schnalzte leise mit der Zunge, als sie sich wieder auf dem Bett niederließ und hob die Kette, die eben dies verhinderte vor ihre zusammengekniffenen Augen. Das mittlere Kettenglied hatte sich bei ihrem gestrigen Aufstand bereits deutlich verformt. Sie warf einen kurzen Blick durch die Zelle, die selbstverständlich nicht mit irgendeinem für ihr Vorhaben nützlichem Gerät ausgestattet war. Dann musste sie wohl doch rohe Gewalt anwenden. Mit einem tiefen Atemzug bereitete sie sich seelisch und moralisch auf den kommenden Schmerz vor. Sie machte es so kurz und schmerzlos wie möglich – nur für einen Augenblick erlaubte sie ihrer inneren Bestie ein kurzes Aufbegehren, gerade genug, um mit einem einzigen Ruck der Handgelenke in entgegengesetzte Richtungen das Kettenglied endgültig aufzubiegen. Das goldene Schimmern unter ihrer Haut verschwand so schnell, wie es gekommen war. Sie atmete keuchend aus, ließ die Hände in den Schoß sinken und verharrte einen Moment, in den Schmerz in ihren Armen hineinlauschend, ehe sie mit der rechten Hand das verdrehte Stück Dimeritium mühsam mit zitternden Fingern aus den benachbarten Gliedern löste und mit einem präzisen Schwung aus dem Handgelenk auf den Tisch warf.
Ein leichter Anflug von Zufriedenheit breitete sich in ihr aus. Nicht, dass ihr damit jetzt geholfen wäre, aber es war ein erster Schritt, den sie auch beliebig oft wiederholen würde, würde der Zauberer auf die Idee kommen, die Fesseln auszutauschen – sofern er einen Vorrat haben sollte, was sie ihm durchaus zutraute. Das größte Übel konnten die Fesseln aber auch so verhindern – zumindest ahnte Saskia dies und machte keinerlei Anstalten, es gleich einmal auszuprobieren. Sie räkelte die Schultern, die sich über die zurückgewonnene Bewegungsfreiheit ebenso freuten, wie sie selbst, streckte sich und ließ sich dann auf die Seite auf das Bett fallen – abwartend. Aufmerksam lauschte sie ins Dunkel hinein. Wieder der kurze Anflug der Hoffnung – doch es kam keine Hilfe. Keine Scoia’Tael, keine Zwerge, keine Hexer, keine Einhörner und keine Drachen. Noch nie in ihrem kurzen Leben hatte sie so allein so tief in der Scheiße gesessen.
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