23.10.2021, 20:16
Saskia rollte jetzt schon mit den Augen und schüttelte leicht den Kopf. Offenbar brachte die magische Begabung von Menschen einen unglaublichen Mitteilungsdrang mit sich – und die Neigung zur Arroganz und Überheblichkeit. Für einen Moment schien sie sich sicher zu sein, den tatsächlichen Grund für die Abneigung des normalen Volks den Zauberern gegenüber gefunden zu haben, während sie der langen Abhandlung ihres Gefängniswärters halbherzig lauschte und sich auf das Bett setzte. In einer anderen, neutraleren Situation hätte sie für seine Abhandlung sicher ein amüsiertes Lächeln übriggehabt. Menschen waren schnell mit ihren Urteilen über die Weisheit oder Dummheit Anderer, vor allem, wenn sie sich dadurch selbst in ein gutes Licht rücken und ihre vermeintliche Überlegenheit verdeutlichen konnten. Sie selbst erkannte bereits jetzt an, dass ihr Gefängniswärter sich alles andere als dumm anstellte und durchaus Fähigkeiten besaß, die den Durchschnitt übertrafen. Er hatte die Schlacht überlebt, sie gefangen genommen – und sie in eine Lage gebracht, in der Saskia unterlegen war, Drache hin oder her. Sein Gehabe jedoch weckte in ihr einen gewissen Trotz, dass sie ihm genau das nicht laut eingestehen würde, ganz unabhängig davon, dass es ihr absolut bewusst war.
Auch wenn sie ihn nicht anblickte, registrierte sie jede seiner Regeln, die er aufstellte. Sie vermutete, dass ihm der spontane Gefühlsausbruch vor der Zelle nicht zu Ohren gekommen war, da die untere Riege seiner Befehlskette ihre eigenen Fehler sicher lieber unter den Teppich kehrte, als mit ausgestrecktem Finger auf die schlecht verwahrte Gefangene petzen zu gehen. Insofern konnte sie seine unterschwelligen Drohungen nicht nachvollziehen – bisher hatte sie sich doch ganz friedlich und kooperativ gezeigt, auch wenn die Fesseln daran einen großen Anteil trugen. Spätestens seit sie in diesen Gittern verweilte, denen sie die auferlegten Zauber zwar nicht ansah, aber zu spüren meinte, hatte sich in ihrem Verstand die Einsicht ausgebreitet, dass jeglicher Aufstand umsonst sein würde. Sie selbst hatte genug Gefangene in die Kerker Vergens gesperrt, um zu wissen, dass es in bestimmten Situationen besser war, sich gut mit dem Feind zu stellen – und da machte es auch keinen Unterschied, dass in ihr eine andere Gestalt ruhte, denn auf diese war man hier vorbreitet. Auch die Tatsache, dass man ihr nicht mit einem Prozess drohte, der über kurz oder lang am Galgen enden würde, beschwichtigte in ihr den Drang, sich vorerst aussichtslos gegen das erteilte Schicksal wehren zu wollen. In dieser Hinsicht fehlte ihr die Weisheit also sicher nicht, insofern hätte sich der Zauberer einen Großteil seiner Ansprache einfach sparen können. Für das erste würde sie abwarten und sie war sich, auch wenn ihre Weisheit nicht unendlich war, auch nach den wenigen Jahren unter Menschen sicher, dass selbst Zauberer irgendwann Fehler begingen und sie daraus ihren Vorteil schlagen würde. Das war der Lauf der Dinge, sie musste nur abwarten. Und wenn jemand Zeit hatte, dann sie. Und dafür, dass sie auch nichts mehr zu verlieren hatte, hatte Nilfgaard selbst gesorgt.
Sie wandte ihren Blick erst wieder zu ihm, als er verstummt war und nun auf dem Absatz kehrt machte. Sie seufzte fast erleichtert, sein Redeschwall hatte das dumpfe Pochen in ihren Schläfen wieder schlimmer gemacht. Da er offenbar kein Interesse an irgendeiner Antwort oder Reaktion auf seine Forderungen erwartete - warum auch, eine Wahl hatte sie ja nicht – wollte sie den einkehrenden Moment der Ruhe nutzen, um sich ins Bett und ihre eigenen Gedanken vergraben, als ein lauter Knall sie jäh aus dieser Absicht riss. Sofort war sie wieder auf den Beinen, hatte sich jeder Muskel in ihrem Körper angespannt – und sofort war da wieder der kalte Schmerz in den Handgelenken, der glücklicherweise nicht auf das Adrenalin, dass ihr Herz durch den Körper pumpte, aber zu ihrem Leidwesen auf die Bestie in ihr ansprang, das sich anmaß, ganz nah unter der Haut zu sitzen. Sie unterdrückte mit einem gequälten Grollen ein schmerzvolles Aufkeuchen und erkannte erst jetzt, aus zusammengekniffenen Augen, dass der Zauberer in ihrer Zelle aufgetaucht war. „Eure Zaubertricks…“, presste sie aus schmalen Lippen hervor, „…beeindrucken mich nicht.“ Dafür war Philippa Eilhart zu lange an ihrer Seite gewesen – und dennoch war diese Aussage zumindest zur Hälfte gelogen, denn auch wenn ihr Verstand sich unbeeindruckt zeigte, sprach ihr Körper doch mehr als eindeutig auf solche effektvollen Auftritte an. Die Gewöhnung an solche Spielchen durch die wohl bekannteste und fähigste Zauberin der Nordlande zeigte jedoch ihre Wirkung: anders, als ihr Instinkt es ihr eigentlich befohlen hätte, stürzte sich Saskia nicht kopflos in eine Konfrontation mit dem Zauberer sondern hielt sich, wenn auch mühsam, zurück. Sie hatte kein Interesse daran, Ziel seiner Zauber zu werden. Zu genau erinnerte sie sich an den Schmerz, den ihr sein Handlanger erst vor Kurzem vor der Zelle verpasst hatte und zu präsent war die Erinnerung an das Gefühl, nicht mehr sie selbst zu sein, weil eine Zauberin sich Zugang zu ihrem Kopf verschafft hatte. Es gab nicht viel, dass Saskia wirklich in Furcht versetzte – doch diese Fähigkeit von magisch Begabten, in das Unfassbare einer Person einzudringen, stand auf ihrer kurzen Liste ganz weit oben. Zwischen zwei Lidschlägen erkannte man diese Angst sogar in ihren blauen Augen.
Diese Erinnerung fachte nicht nur den klaren Verstand weiter an, alles zu tun, um keinen Anlass für solche Mittel zu geben, er weckte gleichwohl den gefühlgesteuerten Widerstand, lieber tot als manipuliert zu sein. Während ihr Kopf das Bild einer folgsamen Saskia malte, schrie ihr Herz danach, dem Zauberer den Kopf abzureißen, ganz unabhängig davon, ob er solche Absichten hatte, oder nicht. „Haben wir uns entschieden, Saskia?“ Nein, in ihr tobte spontan ein Krieg. Seine folgenden Worte hörte sie nur noch dumpf, überlagert vom Rauschen des Blutes in ihren Ohren, während ihr Sichtfeld für einen Moment verschwamm, ihr Herz für einen Schlag aussetzte um dann heftig gegen den Brustkorb zu schlagen, als würde es sich seinen Weg aus den Rippen bahnen wollen. Sie hielt die Luft an. Doch je mehr der Zauber, der ihr innewohnte, gegen die Fesseln kämpfe, desto größer wurden die Nebenwirkungen des Dimeritiums. Diesmal war es nicht nur der Schmerz, der sie wieder auf die Boden der Tatsachen zurückholte, sondern auch eine heftige Übelkeit, die sie überkam. Mit fest zusammengepressten Kiefern entwich nun endlich die Luft aus ihren Lungen, krümmte sich ihr Rückgrat zusammen, als Reaktion gegen das Gefühl, gevierteilt zu werden. Dann war der kurze, stumme Kampf, den sie mit sich führte, vorbei, hatte der Verstand für’s Erste gesiegt – oder eher der Schmerz. Bevor ihre weich gewordenen Knie gänzlich nachgaben, ließ sie sich zurück auf das Bett fallen, hob nach einem kurzen innehalten und durchatmen jedoch die gefesselten und nun deutlich zitternden Hände in Richtung des Stoffes, den man ihr immer noch entgegenhielt. „Euer Spiel, Eure Regeln.“, stimmte sie dann nüchtern zu und schwor sich, ihn bei der erstbesten Gelegenheit selbst in Dimeritium zu schlagen. Noch bevor der Stoff ihre Finger berühren konnte, sackten ihre Hände zurück in den Schoß, konnten ihre Arme das eigene Gewicht nicht mehr halten, forderten die letzten Ereignisse nun endgültig ihren Tribut. Sie senkte den Kopf, während sich in jeder Faser ihres Körpers Erschöpfung ausbreitete.
Auch wenn sie ihn nicht anblickte, registrierte sie jede seiner Regeln, die er aufstellte. Sie vermutete, dass ihm der spontane Gefühlsausbruch vor der Zelle nicht zu Ohren gekommen war, da die untere Riege seiner Befehlskette ihre eigenen Fehler sicher lieber unter den Teppich kehrte, als mit ausgestrecktem Finger auf die schlecht verwahrte Gefangene petzen zu gehen. Insofern konnte sie seine unterschwelligen Drohungen nicht nachvollziehen – bisher hatte sie sich doch ganz friedlich und kooperativ gezeigt, auch wenn die Fesseln daran einen großen Anteil trugen. Spätestens seit sie in diesen Gittern verweilte, denen sie die auferlegten Zauber zwar nicht ansah, aber zu spüren meinte, hatte sich in ihrem Verstand die Einsicht ausgebreitet, dass jeglicher Aufstand umsonst sein würde. Sie selbst hatte genug Gefangene in die Kerker Vergens gesperrt, um zu wissen, dass es in bestimmten Situationen besser war, sich gut mit dem Feind zu stellen – und da machte es auch keinen Unterschied, dass in ihr eine andere Gestalt ruhte, denn auf diese war man hier vorbreitet. Auch die Tatsache, dass man ihr nicht mit einem Prozess drohte, der über kurz oder lang am Galgen enden würde, beschwichtigte in ihr den Drang, sich vorerst aussichtslos gegen das erteilte Schicksal wehren zu wollen. In dieser Hinsicht fehlte ihr die Weisheit also sicher nicht, insofern hätte sich der Zauberer einen Großteil seiner Ansprache einfach sparen können. Für das erste würde sie abwarten und sie war sich, auch wenn ihre Weisheit nicht unendlich war, auch nach den wenigen Jahren unter Menschen sicher, dass selbst Zauberer irgendwann Fehler begingen und sie daraus ihren Vorteil schlagen würde. Das war der Lauf der Dinge, sie musste nur abwarten. Und wenn jemand Zeit hatte, dann sie. Und dafür, dass sie auch nichts mehr zu verlieren hatte, hatte Nilfgaard selbst gesorgt.
Sie wandte ihren Blick erst wieder zu ihm, als er verstummt war und nun auf dem Absatz kehrt machte. Sie seufzte fast erleichtert, sein Redeschwall hatte das dumpfe Pochen in ihren Schläfen wieder schlimmer gemacht. Da er offenbar kein Interesse an irgendeiner Antwort oder Reaktion auf seine Forderungen erwartete - warum auch, eine Wahl hatte sie ja nicht – wollte sie den einkehrenden Moment der Ruhe nutzen, um sich ins Bett und ihre eigenen Gedanken vergraben, als ein lauter Knall sie jäh aus dieser Absicht riss. Sofort war sie wieder auf den Beinen, hatte sich jeder Muskel in ihrem Körper angespannt – und sofort war da wieder der kalte Schmerz in den Handgelenken, der glücklicherweise nicht auf das Adrenalin, dass ihr Herz durch den Körper pumpte, aber zu ihrem Leidwesen auf die Bestie in ihr ansprang, das sich anmaß, ganz nah unter der Haut zu sitzen. Sie unterdrückte mit einem gequälten Grollen ein schmerzvolles Aufkeuchen und erkannte erst jetzt, aus zusammengekniffenen Augen, dass der Zauberer in ihrer Zelle aufgetaucht war. „Eure Zaubertricks…“, presste sie aus schmalen Lippen hervor, „…beeindrucken mich nicht.“ Dafür war Philippa Eilhart zu lange an ihrer Seite gewesen – und dennoch war diese Aussage zumindest zur Hälfte gelogen, denn auch wenn ihr Verstand sich unbeeindruckt zeigte, sprach ihr Körper doch mehr als eindeutig auf solche effektvollen Auftritte an. Die Gewöhnung an solche Spielchen durch die wohl bekannteste und fähigste Zauberin der Nordlande zeigte jedoch ihre Wirkung: anders, als ihr Instinkt es ihr eigentlich befohlen hätte, stürzte sich Saskia nicht kopflos in eine Konfrontation mit dem Zauberer sondern hielt sich, wenn auch mühsam, zurück. Sie hatte kein Interesse daran, Ziel seiner Zauber zu werden. Zu genau erinnerte sie sich an den Schmerz, den ihr sein Handlanger erst vor Kurzem vor der Zelle verpasst hatte und zu präsent war die Erinnerung an das Gefühl, nicht mehr sie selbst zu sein, weil eine Zauberin sich Zugang zu ihrem Kopf verschafft hatte. Es gab nicht viel, dass Saskia wirklich in Furcht versetzte – doch diese Fähigkeit von magisch Begabten, in das Unfassbare einer Person einzudringen, stand auf ihrer kurzen Liste ganz weit oben. Zwischen zwei Lidschlägen erkannte man diese Angst sogar in ihren blauen Augen.
Diese Erinnerung fachte nicht nur den klaren Verstand weiter an, alles zu tun, um keinen Anlass für solche Mittel zu geben, er weckte gleichwohl den gefühlgesteuerten Widerstand, lieber tot als manipuliert zu sein. Während ihr Kopf das Bild einer folgsamen Saskia malte, schrie ihr Herz danach, dem Zauberer den Kopf abzureißen, ganz unabhängig davon, ob er solche Absichten hatte, oder nicht. „Haben wir uns entschieden, Saskia?“ Nein, in ihr tobte spontan ein Krieg. Seine folgenden Worte hörte sie nur noch dumpf, überlagert vom Rauschen des Blutes in ihren Ohren, während ihr Sichtfeld für einen Moment verschwamm, ihr Herz für einen Schlag aussetzte um dann heftig gegen den Brustkorb zu schlagen, als würde es sich seinen Weg aus den Rippen bahnen wollen. Sie hielt die Luft an. Doch je mehr der Zauber, der ihr innewohnte, gegen die Fesseln kämpfe, desto größer wurden die Nebenwirkungen des Dimeritiums. Diesmal war es nicht nur der Schmerz, der sie wieder auf die Boden der Tatsachen zurückholte, sondern auch eine heftige Übelkeit, die sie überkam. Mit fest zusammengepressten Kiefern entwich nun endlich die Luft aus ihren Lungen, krümmte sich ihr Rückgrat zusammen, als Reaktion gegen das Gefühl, gevierteilt zu werden. Dann war der kurze, stumme Kampf, den sie mit sich führte, vorbei, hatte der Verstand für’s Erste gesiegt – oder eher der Schmerz. Bevor ihre weich gewordenen Knie gänzlich nachgaben, ließ sie sich zurück auf das Bett fallen, hob nach einem kurzen innehalten und durchatmen jedoch die gefesselten und nun deutlich zitternden Hände in Richtung des Stoffes, den man ihr immer noch entgegenhielt. „Euer Spiel, Eure Regeln.“, stimmte sie dann nüchtern zu und schwor sich, ihn bei der erstbesten Gelegenheit selbst in Dimeritium zu schlagen. Noch bevor der Stoff ihre Finger berühren konnte, sackten ihre Hände zurück in den Schoß, konnten ihre Arme das eigene Gewicht nicht mehr halten, forderten die letzten Ereignisse nun endgültig ihren Tribut. Sie senkte den Kopf, während sich in jeder Faser ihres Körpers Erschöpfung ausbreitete.
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